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Israelisch-palästinensisches Lehrbuch

primeu1.jpgDas Berghof Forschungszentrum hat soeben die deutsche Übersetzung eines israelisch-palästinensischen Lehrbuchs veröffentlich. Unter dem Titel Learning each other’s historical narrative hat das Peace Research Institute in the Middle-East (PRIME) dieses außergewöhnliches Schulbuch erarbeitet.

Berghof Conflict Research  und Peace Research Institute in the Middle East (PRIME) (Hrsg.): Das Historische Narrativ des Anderen kennen lernen. Palästinenser und Israelis. März 2003. Deutsche Übersetzung, Berlin 2010, 50 S.

 Das Lehrbuch als PDF-Datei: primetextbuch.pdf

 

Aus dem Vorwort von Martina Fischer:

Unter dem Titel „Learning each other’s historical narrative“ hat das Peace Research Institute in the Middle-East (PRIME) ein außergewöhnliches Schulbuch erarbeitet. Es beschreibt die israelische und palästinensische Geschichte des 20. Jahrhunderts aus den gegensätzlichen Perspektiven der beiden Konfliktparteien. Eine Spalte bildet die israelische Sicht auf die Ereignisse ab, daneben findet man die palästinensische Interpretation. Zu den wichtigsten Eckdaten, die behandelt werden, gehören die Balfour-Deklaration von 1917, die den Juden einen eigenen Staat versprach, die Ereignisse, die zur Unabhängigkeit Israels 1948 führten sowie die erste Intifada (der Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung). Zu denselben Fakten gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Das Jahr 1948 etwa erinnern die Israelis als das Jahr der Staatsgründung und des Unabhängigkeitskriegs, für die Palästinenser ist es das Jahr der Katastrophe („al-Naqbah“) und Vertreibung aus ihrer Heimat.

Den Anstoß für das Projekt gaben die beiden Direktoren von PRIME, der israelische Psychologe Dan Bar-On (1938-2008) und der palästinensische Wissenschaftler Sami Adwan. Sie stellten bei der Durchsicht palästinensischer und israelischer Geschichtsbücher fest, dass darin die Erfahrungen und das Leid der jeweils anderen Seite nicht vorkommen. In den palästinensischen Büchern wird der Holocaust verschwiegen, in den israelischen Lehrmaterialien das Trauma der Vertreibung der Palästinenser ignoriert. Auch die jeweilige Geschichte und Kultur werden in den Büchern nicht behandelt. Landkarten, die in den Schulen verwendet werden, bilden Städte und Dörfer der anderen nicht ab. Geschichtsunterricht ist damit einseitig und im Wesentlichen darauf gerichtet, das Handeln der eigenen Seite zu rechtfertigen und das Bild des anderen zu verdunkeln. Dan Bar-On, Sami Adwan und ihr Team teilen die Überzeugung, dass die Überwindung von Feindschaft in den Köpfen beginnen muss und dass die Grundlagen für Verständigung in der Schule gelegt werden müssen. Die Herausgeber streben nicht an, die jeweiligen Narrative zu verändern. Es geht ihnen auch nicht darum, eine einzige, gemeinsame Interpretation der Geschichte zu etablieren. Ziel des Buches ist es vielmehr, israelischen und palästinensischen Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, die Sichtweise der jeweils anderen nachzuvollziehen.

Das von PRIME herausgegebene Buch wurde von sechs jüdischen und sechs palästinensischen Geschichtslehrerinnen und Lehrern zusammen mit wissenschaftlichen Experten verfasst. Es wurde in hebräischer und arabischer Sprache erstellt und richtet sich an Schüler/innen der Oberstufen. Einige Pädagogen arbeiten mit diesem Material inzwischen an ausgewählten Schulen in Israel und im Westjordanland. Das Geschichtsbuch wurde bislang zwar nicht in die offiziellen Lehrpläne aufgenommen, die jeweiligen Ministerien erlauben jedoch, dass damit außerhalb des regulären Unterrichts gearbeitet wird. Das Projekt wurde maßgeblich von amerikanischen Einrichtungen (der US-Botschaft in Tel Aviv, dem Konsulat in Jerusalem sowie der Wye River Foundation) finanziert und erhält Unterstützung von der Europäischen Union und dem Auswärtigen Amt.

In Erinnerung an Dan Bar-On, einen engen Kooperationspartner des Berghof Forschungszentrums, der am 4. September 2008 in Tel Aviv verstarb, und um die Arbeit von PRIME auch im deutschsprachigen Raum noch stärker bekannt zu machen, haben wir eine deutschsprachige Übersetzung des Buches in Auftrag gegeben. Wir sind davon überzeugt, dass das Buch als Unterrichtsmaterial für den konstruktiven Umgang mit Geschichte auch für die Bildungsarbeit hierzulande von Nutzen sein kann. Es verdeutlicht in sehr anschaulicher Weise, dass mit Geschichtsdaten sehr vorsichtig und einfühlsam umzugehen ist und dass es auch gerade im Kontext gewaltsamer ethnopolitischer Konflikte niemals nur eine Wahrheit, sondern viele unterschiedliche Interpretationen von Vergangenheit geben kann. Wenn diese zu Wort kommen, kann dies den Weg für die wechselseitige Akzeptanz dieser Perspektiven ebnen und damit einen wichtigen ersten Schritt auf dem langen und beschwerlichen Weg hin zu Aufarbeitung und Aussöhnung bilden.

Der erste Abschnitt des Buches behandelt die Balfour-Deklaration von 1917 und die Reaktionen auf diese Zäsur. Der zweite Abschnitt richtet sich auf den Unabhängigkeitskrieg und die Staatsgründung Israels bzw. die Vertreibungen von 1948. Der dritte Abschnitt widmet sich der Zeit vom Sechs-Tage-Krieg 1967 bis zur ersten Intifada (1987-1989).

Unser Dank geht an Antje Bauer für die Übersetzung und an PRIME für die Genehmigung zur Veröffentlichung der deutschsprachigen Version.

Neben dem von uns in deutscher Übersetzung vorgestellten ersten Band hat PRIME noch zwei weitere Bände vorgelegt, nämlich ein zweites booklet, das israelische und palästinensische Narrative aus den 1920er und 1930er Jahren sowie aus der Zeit des Sechs-Tage-Krieges (1967) behandelt und einen dritten Band, der sich mit Schlüsselereignissen in den 1950er, 1970er und 1990er Jahren befasst. Alle diese Texte wurden in hebräischer und arabischer Sprache veröffentlicht. Englischsprachige Versionen der beiden ersten Bände sind über die website des Peace Research Institute in the Middle East erhältlich (www.vispo.com/PRIME/). Dort findet man auch eine Übersicht der gemeinsamen Projekte von Sami Adwan und Dan Bar-On sowie Berichte über die Resonanz und Rezeption des Schulbuchmaterials in Palästina und Israel.

Das beeindruckende Lebenswerk von Dan Bar-On haben wir in einem Nachruf ausführlicher gewürdigt (www.berghofconflictresearch.org/documents/misc/Bar_On_nachruf.pdf).

Biographie und Motivation von Sami Adwan werden detailliert in einem Beitrag des online-Magazins der ZEIT beschrieben, auf den wir an dieser Stelle verweisen möchten: Arnfried Schenk, Der Nahostkonflikt in der Schule, in Die ZEIT, 10.6.2009 (www.zeit.de/2009/25/C-Schulbuch).

 

Dr. Martina Fischer, stellvertretende Leiterin,

Berghof Forschungszentrum (Berghof Conflict Research)

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