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Sport und Gewaltprävention

pilz_200.jpgProf. Dr. Gunter A. Pilz  über Sport und Gewaltprävention

Was ist wichtig, wenn man Gewaltprävention betreiben will?

Ich glaube, das Zentrale ist, dass man nicht an Problemen ansetzen sollte, die junge Menschen uns machen, sondern an denen, die sie selbst haben. Denn hinter der Gewalt stehen ja in der Regel eigene Erfahrungen mit Gewalt. Der Schlüssel für Gewaltprävention besteht darin, genau an diesen Gewalterfahrungen anzusetzen. Wenn dies geschieht und die Jugendlichen bemerken, dass man sie mit ihren Problemen ernst nimmt, dann sind sie auch offen für die Auseinandersetzung mit den Problemen, für die sie verantwortlich sind.

Was kann Sport dazu beitragen, Gewaltprävention zu betreiben?

Der Sport kann Mittel und Inhalt von Gewaltprävention sein. Als Mittel kommt dem Sport eine Türöffnerfunktion zu. Denn Sport ist etwas, was viele Menschen verbindet, womit sie sich identifizieren können. Man kann über Sport überhaupt erst die Chance bekommen, beispielsweise an rechtsextrem orientierte oder gewalttätige Jugendlichen heranzukommen. Insofern öffnet Sport den Weg für andere Möglichkeiten der Problembearbeitung. Auf der anderen Seite kann man auch über Sport versuchen, bestimmte im Sport angelegte Grundwerte zu vermitteln. Inwieweit dies gelingt, hängt natürlich sehr stark davon ab, ob es ein entsprechendes Konzept gibt und ob es gelingt, die Jugendlichen dafür zu interessieren und sie längerfristig bei der Sache zu halten. Eines der strittigsten Probleme in diesem Kontext ist übrigens die Frage, inwieweit es wirklich sinnvoll ist über Kampfkunst und Kampfsport Gewaltprävention zu betreiben.

Was sind zentrale Punkte für ein gewaltpräventives Konzept?

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, an den Bedürfnissen derjenigen anzusetzen, mit denen gearbeitet werden soll. Wenn man mit Jugendlichen etwas unternehmen möchte, dann muss man ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Zweitens müssen die Verantwortlichen sehr offen sein. Die Jugendlichen dürfen also nicht gleich wie in einem Korsett eingebunden sein. Flexibilität in Zeit und im Inhalt ist gefragt. Es wird deutlich, dass damit der organisierte Sportverein in der Regel völlig überfordert ist, weil seine Strukturen ganz andere sind. Das muss man erkennen und dann muss man sehen, wie man Netzwerke schafft, um in dieser Richtung etwas zu bewegen.

Welche Rolle spielen die Anleiter, die Trainer und Lehrer bei solchen Arrangements?

Sie spielen eine ganz zentrale Rolle, weil ein Lehrer und Trainer als Vorbild fungiert und damit auch das vorlebt, was er vermitteln will. Beim Thema Fairnesserziehung haben wir gerade festgestellt, dass die Trainer, bei denen die Jugendlichen das Gefühl haben, sie nehmen das Thema Fair Play ernst, auch diejenigen sind, die Jugendliche in ihren Reihen haben, die sich am wenigsten gewaltförmig auf dem Platz verhalten und die bezüglich des Fair Plays auch ein entsprechendes Verhalten zeigen. Diejenigen Jugendlichen jedoch, die sagen „Mein Trainer interessiert sich überhaupt nicht für Fair Play“, verhalten sich dann auch auf dem Platz rüpelhaft, gewalttätig, beleidigend und rassistisch.

Welche Sportarten sind besonders geeignet für Gewaltprävention?

Ich denke, in erster Linie sind sicherlich die Mannschaftssportarten geeignet, denn sie können helfen, ein positives Teamgefühl zu erzeugen. Vor allem müssen es Sportarten sein, die gesellschaftlich hohe Anerkennung haben, also beliebt sind. Es müssen Sportarten sein, durch die der Zugang auch zu den Jugendlichen hergestellt werden kann. Dann gibt es natürlich in ganz bestimmten Kontexten durchaus auch Individualsportarten, die aber dann meines Erachtens weniger in Richtung Prävention weisen, sondern stärker in Richtung Therapie oder Intervention. Von daher muss man diese Bereiche unterscheiden. Ich denke, dass Mannschaftssportarten die besten Voraussetzungen bieten.

Was sollte man auf alle Fälle vermeiden, wenn man Gewaltprävention betreibt?

Vermeiden sollte man alles, was das Selbstwertgefühl der jungen Menschen entweder vermindert oder zusätzlich belastet. Wir wissen, der Schlüssel zur Gewaltprävention liegt im Kern darin, dass man jungen Menschen das Gefühl gibt, etwas zu können und gebraucht zu werden. Das kann ihr Selbstwertgefühl aufbauen. Das Hauptproblem junger Menschen ist, dass sie kaum eine Chance haben, eine positive Identität aufzubauen. Es ist bereits im Gewaltgutachten der Bundesregierung von 1990 klar beschrieben worden, dass in der Schule junge Menschen viel zu oft erfahren, was sie nicht können und viel zu wenig, was sie können. Und der Sport hat genau hier Potenziale. Er kann Menschen ihre Stärken zeigen, wenn man sie abholt bei den Dingen, die sie können. Dadurch kann man sie stärken. Wenn man über Sport Gewaltprävention betreibt, muss man natürlich verhindern, dass Jugendliche in Situationen kommen, in denen sie dann auch wieder erfahren, dass sie „versagen“. Man muss an ihren persönlichen Stärken ansetzen und dann kann man auch langsam an ihren Schwächen und Defiziten arbeiten. In der Sozialpädagogik weiß man dies seit vielen Jahren.

Wie soll der Schulsport dementsprechend aussehen?

Alle jungen Menschen sollten die Chance haben, präsentieren zu können, was sie mit ihrer Körperlichkeit verbinden. Es ist ja ganz interessant, wenn man sich Jugendkulturen näher betrachtet. Es gibt kaum eine Jugendkultur, in der nicht Körper und Bewegung einen ganz zentralen Inhalt darstellen. Ich will an einem Beispiel zeigen, wie fatal es sein kann dies nicht zu tun: Wir hatten vor einigen Jahren in Hannover in einer integrierten Gesamtschule im Rahmen einer Projektwoche mit Jugendlichen eine Wochenveranstaltung durchgeführt. Das Thema war Hip-Hop-Kultur. Dabei konnten die Jugendlichen zeichnen, also Graffiti-Kultur gestalten. Sie konnten tanzen. Sie konnten Sprechgesänge aufnehmen usw. Und da war auch eine junge türkische Gruppe, die Breakdance vorbereitet hat. Diese kam dann zu uns in die Sporthalle des Instituts um zu proben. In der Halle war der deutsche Meister im Bodenturnen, dem ich zeigte, was diese Gruppe am Boden alles so machen konnte. Ich fragte ihn: „Kannst du das auch?“ Und er antwortete: „Das krieg ich nicht hin! Das ist zu akrobatisch.“ Jetzt wird es spannend: Einer der türkischen Schüler hatte einen Tag vorher im Sportunterricht im Turnen die Note Fünf bekommen, weil er am Reck versagt hatte. Da fragt man sich wirklich …! Die Jugendlichen können Dinge, die selbst ein „Deutscher Meister“ im Turnen nicht hinbekommt, aber das nimmt die Schule nicht wahr, sondern nimmt etwas anderes auf. Was in einer anderen Weise noch fatal ist ist, dass junge Menschen, von denen man erwartet, dass sie offen sind für andere Kulturen, in der Schule mitgeteilt bekommen: Eure Kultur nehme ich nicht ernst. Obwohl man hier gerade die Chance hätte, unterschiedliche Jugendkulturen wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Welche Rolle spielen beim Gewaltthema die Sportverbände, die immer wieder Deklarationen und Aufrufe gegen Gewalt verbreiten?

Also ich denke, sie spielen in mehrfacher Weise eine positive aber auch eine negative Rolle. Ganz wichtig ist, dass die Verbände selbst signalisieren, dass sie das Thema Gewalt ernst nehmen, sich diesem stellen und erkennen, dass auch sie durch ihre eigenen Strukturen, vielleicht auch durch Funktionärsvorbilder, manchmal Gewalt vorleben und dass sie sich deshalb selbst in die Pflicht nehmen müssen. Aber es reicht nicht aus, nur Verbote auszusprechen und massive Regulierungen vorzunehmen, sondern sie müssen dann auch sehen, wie sie ihre Strukturen ein Stück weit ändern können oder wie weit sie dazu beitragen können, auch im Sinne von präventiven Maßnahmen jungen Menschen entgegen zu kommen. Wenn man zum Beispiel im Fußball eine Sportgerichtsbarkeit hat, die junge Menschen nur dadurch bestraft, dass sie Geld bezahlen müssen oder längere Zeit vom Fußballbetrieb ausgeschlossen werden, dann darf man sich nicht wundern, dass sich in den Köpfen der Menschen wenig bewegt. Wir wissen seit vielen Jahrzehnten im Kontext der Jugendgerichtsbarkeit, dass es so etwas wie Bewährungsauflagen gibt und genau diese alternativen Strafformen durch soziale Maßnahmen verhindern, dass Jugendliche in die Spirale der Sperrstrafen geraten. Der Sport muss jungen Menschen Chancen geben, über Strafen und das eigene Verhalten nachzudenken und beweisen zu können: „Ich kann mich auf dem Platz oder in der Turnhalle anders verhalten“.

Ist der Aufruf und Slogan „Fair Play“ ein sinnvoller Ansatz für Gewaltprävention?

Er ist dann sinnvoll, wenn er mit Leben gefüllt wird. Ich will es an einem Bild festmachen: Wenn die FIFA vor jedem Länderspiel von Kindern eine große gelbe Fahne mit der Aufschrift „Fair Play bitte“ aufs Spielfeld tragen lässt und diese vor dem Spiel wieder heruntergetragen wird, dann ist genau dies der symbolische Akt der ausdrückt „So jetzt tragen wir den Geist des Fair Plays wieder herunter und jetzt kann es neunzig Minuten zur Sache gehen“. Dieser Appell „Fair Play bitte“ hat nur dann einen Sinn, wenn er vorgelebt wird und wenn konkrete Maßnahmen eingeleitet werden, die ausdrücken, dass man sich dieser Sache erzieherisch und anders stellen möchte – und das vermisse ich z. B. bei der FIFA. Fair Play darf kein plakatives Einklagen sein, ohne sich selbst intensiv darum zu bemühen, zu fragen und zu zeigen, was man selbst tun kann, dass man dieses Thema ernster nimmt, außer dass man repressiv vorgeht. Insofern denke ich, dass Appelle wichtig sind, wenn sie gepaart sind mit Aktionen und langfristigen nachhaltigen Maßnahmen.

 

Transkription des Interviews mit Gunter A. Pilz das Günther Gugel am 23.9.2008 führte.

Das Video-Interview ist auf der DVD „Fußball, Fair Play und Friedensförderung“ enthalten. Institut für Friedenspädagogik,

Tübingen 2008.  ISBN 978-3-932444-33-3

Mehr Informationen zur DVD “Fußball, Fair Play und Friedensförderung”. 

 

 

 

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