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Interview in der Heilbronner Stimme

interview_heilbronner_stimme_200.jpg„Guter Wille allein reicht nicht“

Pädagoge Gugel kritisiert Defizite bei der Gewaltprävention 

In der Münchner S-Bahn stirbt ein Mann an den Tritten junger Leute. Eine Woche später schlagen in Pforzheim Jugendliche einen 42-Jährigen bewusstlos. Dazwischen der Amoklauf von Ansbach. Um Gewalt einzudämmen, fordert Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik bessere Präventionsmaßnahmen.

Mit ihm sprach Joachim Rüeck.

Sind die schockierenden Gewalttaten schlimme Einzelfälle oder zeugen sie von einer Verrohung der Gesellschaft?

Günther Gugel: Gefühlte und tatsächliche Gewalttätigkeit klaffen auseinander. Die Gewaltkriminalität sinkt langfristig eher. Die Ausnahme sind jugendliche Mehrfachtäter. Es sind zwei Strömungen in unserer Gesellschaft zu beobachten: Einerseits eine große Verunsicherung, Orientierungs-, und Perspektivlosigkeit, die Gewalt mit sich bringt. Andererseits eine Zunahme von Engagement und Hilfsbereitschaft, die es zu stärken gilt.

Es gibt Gruppen, die immer weniger Scheu haben, brutal zuzuschlagen. Wie kann man vorbeugen?

Gugel: Gewalt ist für Kinder und Jugendliche oft eine Ausdrucksweise dahinter liegender Schwierigkeiten. Streetwork ist mit Sicherheit eine Antwort. Prävention muss aber breiter aufgestellt sein und bereits weit im Vorfeld erfolgen. Sinnvolle Programme setzen in der Familie, im Kindergarten, in der Schule an und bauen darauf auf, Risikofaktoren zu minimieren.

Es scheint doch Präventionsmaßnahmen wie Sand am Meer zu geben. Zeigen sie nicht zu wenig Wirkung?

Gugel: Es gibt zwar sehr viele Programme, aber diese sind häufig nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert. Evaluationsforschung findet kaum statt. Darüber hinaus mangelt es an Kontinuität. Und es wird zu wenig untereinander kooperiert.

Was muss passieren?

Gugel: Wir dürfen uns nicht nur vom guten Willen leiten lassen. Wir brauchen mehr Forschung, mehr Mittel. Wissenschaft und Praxis müssen enger zusammenarbeiten. Programme müssen erprobt und dann in der Breite eingesetzt werden, wenn sie Wirkung zeigen. 

Welche positiven Beispiele gibt es?

Gugel: Der Landessportbund Hessen bildet Trainer und Spielführer zu Mediatoren aus. Das sind konkrete Ansätze, um die Gewalt rund um Fußballspiele in den Griff zu bekommen. Außerhalb des Sports ist die Schule ein ganz wichtiger Ort. Dort haben wir von Klassenprogrammen bis hin zur Streitschlichtung viele Möglichkeiten. Wichtig ist ein Arbeitsklima, das von Anerkennung und Wertschätzung geprägt ist.

Wo sind die Grenzen der Prävention?

Gugel: Gewalt wird man nie hundertprozentig verhindern können. Dazu ist sie in unserer Gesellschaft auch zu wenig tabuisiert. Die meiste Gewalt findet in der Familie statt. Da das hinter verschlossenen Türen geschieht, erhält sie nicht so viel Aufmerksamkeit wie die Gewalt auf der Straße. Jugendliche sind meist nicht nur Täter, die Gewalt ausüben, sondern auch Opfer, die im familiären Bereich Gewalt erfahren. 

Wie kommt Prävention in die Familien hinein, ohne dass sich der Staat zu sehr ins Private einmischt?

Gugel: Man muss belastete Familien unterstützen. Sie müssen finanziell so gestellt sein, dass sie ihre Erziehungsaufgaben bewältigen können. Geld ist aber nicht der zentrale Punkt. Es geht um Aufmerksamkeit, Beratung. Eltern wissen oft nicht, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen. Es gibt zum Beispiel an Schulen in Berlin Erziehungskurse, die solche Kompetenzen fördern. Das Problem bleibt: Eltern müssen hingehen. Man kann sie nicht zwingen.

Das Interview als PDF-Datei

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